// felix

Wilde Genitale, falsche Metzger und Aliens im Wald: Die Preisverleihung des 18. cellu l’art Kurzfilmfestivals

Samstag, 29.04.2017 Der Höhepunkt des Festivals war gekommen. Am Festival-Samstag stand die feierliche Preisverleihung im großen Saal im Mittelpunkt. Während die Gäste ab 19:30 Uhr im Saal Platz nahmen, wurden auf der Leinwand fotografische Impressionen der letzten Tage gezeigt. Eröffnet wurde der Abend durch den CDU-Bundestagsabgeordneten Johannes Selle, der in seinem Grußwort die Bedeutung des Kurzfilms und des cellu l’art Kurzfilmfestivals unterstrich. Anschließend verrieten die Fachjury, bestehend aus Juliane Fuchs (Leiterin des backup_festival Weimar), Philip Ilson (künstlerischer Leiter des London Short Film Festival) und Letty Felgendreher (Filmemacherin aus Leipzig), und die Jugendjury (Annalena Ziege, Michelle Kaiser und Leonhard Vockrodt), für welche Filme sie sich entschieden hatten.

Bei der Preisverleihung wurde außerdem der im Stop-Motion-Workshop von Thibault Joyeux und weiteren Teilnehmenden produzierte Animationsfilm und der von Felix Spröde in der Festivalwoche gedrehte Festivalfilm zum ersten Mal gezeigt.

Liste der prämierten Filme mit Jury-Begründungen:

 

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Bester Spielfilm: „Stacey and the Alien“ von Nelson Polfliet

Wir haben einen Film ausgewählt, der sich geschickt der Möglichkeit bedient, mit den Genres der Komödie, des Horrors, des Science-Fiction und des Musicals zu spielen. Gepaart mit einem überzeugenden Set-Design erzählt er auf besondere Weise eine traurige Geschichte. Dieser Stil-Mix ist eine wagemutige und gelungene Auseinandersetzung mit der Psyche und existentiellen Verlusterfahrungen. Es ist erfrischend, solch einen unkonventionellen Film zu sehen. Der Preis „Best Fiction“ geht an „Stacey and the Alien“ von Nelson Polfliet.

Lobende Erwähnung: „Emily Must Wait“ von Christian Wittmoser

Der Film besticht durch ein originelles Konzept – der Zuschauer wird zum stillen Beobachter einer Geschichte über Leben und Tod. Beständig möchten wir der Protagonistin zur Seite stehen, müssen jedoch in der Passivität verharren. Wir möchten eine lobende Erwähnung an „Emily Must Wait“ von Christian Wittmoser aussprechen.

 

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Bester ExAnDo: „Pussy“ von Renata Gasiorowska

Die Filmemacherin schenkt uns einen liebenswerten Charakter und ist nicht verlegen, ein tabuisiertes Thema anzusprechen: der unerschrockene Blick auf die weibliche Sexualität. Wir wählten eine minimalistische Animation mit einem einfachen Stil, der zugleich witzig und kompromisslos daherkommt mit einigen unerwarteten Überraschungen. Der Preis für „BEST ExAnDo“ geht an „Pussy“ von Renata Gasiorowska.

Lobende Erwähnung: „Decorado“ von Alberto Vázquez

Der Filmemacher kreierte einen bittersüßen Film der uns mit erschütternden Bildern herausfordert. Putzige Cartoon Charaktere leben in einer fingierten Welt und erleben gleichzeitig schaudernde Albträume. Gerne würden wir uns in dieser Welt einnisten, auch mit dem Wissen wie falsch sie in Wirklichkeit ist. Oder würden wir das Theater lieber verlassen? – „Decorado“ von Alberto Vázquez erhält von uns eine lobende Erwähnung in der Kategorie „BEST ExAnDo“.

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Preis der Jugendjury: „Emily Must Wait“ von Christian Wittmoser

Dieser Film hatte für uns die prägendste Wirkung. Herausragend für ihn waren das Szenario, die Perspektive und seine Details. Er löste eine Vielzahl an Gefühlen in uns aus, wie zum Beispiel Angst, Verzweiflung und Hoffnung.

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Jenaer Filmpreis für Toleranz: „The Chop“ von Lewis Rose

In einer Welt in der Regierungsoberhäupter und Medien den Hass zwischen unterschiedliche Religionen schüren, kreiert diese leichte Komödie ein witziges Szenario aus einer Farce. Der Gewinner des Jenaer Filmpreis für Toleranz ist „The Chop“ von Lewis Rose.

Publikumspreis: „The Chop“ von Lewis Rose

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Teen Shorts Award: „True“ von Simon Schneider

// hanna

Kurzfilme auf Abwegen und Partystimmung

Freitag, 28.04. Am vierten Tag des Festivals gab es neben Wettbewerbsprogrammen erneut eine Reihe von Specials zu sehen. Die Auswirkungen des fehlenden Schlafs machten sich langsam beim Team bemerkbar und man versuchte, diese mit Alkohol und Tanz zu bekämpfen.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Das Festival neigte sich gefühlt schon gen Ende, obwohl noch ein aufregendes Wochenende bevorstand, an dem die Gewinnerfilme bekanntgegeben und Preise verliehen wurden. Die Wettbewerbe liefen an diesem Freitag zum letzten Mal – abgesehen von Wettbewerb 5, der als Nachzügler am Samstag noch ein letztes Mal gezeigt wurde. In eben diesem war der Filmemacher Joonas Rutanen zu Gast und beantwortete Fragen zu seinem Film „I Love Anna“. Alle Filme im Block beschäftigen sich damit, dass es gut sein kann, etwas Neues zu wagen und andere von seinen Ideen zu überzeugen. Manchmal werden aber auch Grenzen überschritten und es wäre besser gewesen, nichts zu tun.

Ausschnitt aus "I love Anna" von Joonas Rutanen

  Ausschnitt aus „I Love Anna“ von Joonas Rutanen

Danach feierten mehrere Specials ihre Premiere. In „Power and Passion“ drehte sich alles um Sport und im Mockumentary-Programm konnte man ‚Dokumentationen‘ ansehen, die über Dinge berichten, die es in Wirklichkeit gar nicht gibt. TamDan Vu vom Film „Amos Beauty“, der sich um einen von Geistern heimgesuchten Ort dreht, war zu Gast.

              „Citius, Altius, Fortius“ von Felix Deimann lässt das Publikum die dargstellte Sportart durch Formen und Bewegungen erahnen.

Al dente – Filme für den besonderen Geschmack

Ein besonderes Experiment fand im Biergarten des Rosenkellers statt. Das interaktive Kurzfilmprogramm „Al dente – Filme für den besonderen Geschmack“ feierte seine Premiere. Jeder der Filme, die allesamt ein wenig verrückt und abwegig waren, wurde an einer spannenden Stelle unterbrochen. Die Zuschauer konnten mithilfe von Knicklichtern bestimmen, ob sie den Film zu Ende sehen wollten. Der Poetry Slammer Flemming Witt und die Musiker von Martin von Knarsen und Frau Ojemine führten mit schrägen Klängen und in lustigen Kostümierungen durch den Abend. Unterbrochen wurde die Show nur von Partyvolk, das zu früh am Rosenkeller erschien oder verwirrte Museumsbesucher mit denen sich das Team herumschlagen musste.

              Beliebt war das etwas andere Musikvideo „Hairy Soul Man – How Deep Can I Go?“ von Kai Smythe.

Am Ende überzeugten nur zwei der vierzehn Filme das Publikum nicht und fielen aus der Wertung. Für die übrigen zwölf Filme konnte nun mit Nudeln abgestimmt werden, die die Zuschauer in Töpfe warfen. Der Film „Pandas“ von Matus Vizar gewann die Abstimmung.

Von Pandas (und warum sie so traurig sind) erzählt "Pandas" von Matus Viszar.

  Von Pandas (und warum sie so traurig sind) erzählt „Pandas“ von Matus Viszar.

Aus dem Publikum konnte ebenfalls noch jemand etwas gewinnen: Wer sich den Namen der Hauptperson in „Añadir Contacto“ gemerkt hatte, konnte einen Jahresvorrat Nudeln mit nach Hause nehmen. Leider war es so kalt, dass die meisten Teilnehmer nach der Abstimmung aufsprangen und sich schleunigst in den Rosenkeller verzogen, um sich wieder aufzuwärmen. Dort fand sich später auch der Großteil des cellu l’art Teams ein, um eine After-Show-Party zu feiern. Diese fand in Kooperation mit dem ESN Jena statt. Trotz dichten Gedränges war die Party ein gelungener Abschluss des Abends. Hier konnte man sich den Stress der letzten Tage wegtanzenund mit einem oder zwei Bier auf die Festivalwoche anzustoßen.

 

ALLES KURZ UND KNAPP FÜR DEN SAMSTAG (29. April)

17.00 Uhr ___ Wettbewerb 5: Unschuldslämmer?!
19.00 Uhr ___ Ab durch die Mitte 
20.00 Uhr ___ Preisverleihung

// felix

Von Papprobotern, jungem Kino und Crying Dawson

Donnerstag 27.04.2017 Der Festival-Donnerstag stand, so darf man behaupten, im Zeichen der Neuerungen: Mit dem Kino am Markt wurde eine neue Spielstätte für die zweite Edition der „Teen Shorts“ erschlossen und in der brandneuen Festivallounge fand nicht nur der erste Teil des Stop-Motion-Workshops „cellu motion“, sondern auch ein besonderes Musikvideo-Screening statt.

Grenzen, Beziehungen und Obsessionen: Teen Shorts

Anstatt abends im Volksbad ging es am Donnerstag bereits vormittags im Kino am Markt mit den ersten Filmvorstellungen los. Um zehn Uhr öffneten sich die Kinopforten für Schulklassen der neunten, zehnten und elften Jahrgänge. Gezeigt wurden internationale Kurzspielfilme und eine Dokumentation, die sich mit den Lebenswelten Jugendlicher und junger Erwachsener beschäftigen. Ein thematischer Schwerpunkt der Filme waren zwischenmenschliche Beziehungen und die Konflikte, denen sie standhalten müssen: Während Benjamin Leichtensterns „Bis einer weint“ davon erzählt, wie zwei scheinbar ungleiche Menschen im nächtlichen München aufeinandertreffen und durch gegenseitige Anziehung und Abstoßung ihre persönlichen Grenzen austesten, wird das Überschreiten von Grenzen für den obsessiven Programmierer Paul in Simon Schneiders Thrillerdrama „True“ eine persönliche Notwendigkeit. In dem in Erfurt gedrehten Film wird Technologie zum Motor für krankhafte Eifersucht, als die Hauptfigur eine künstliche Intelligenz erschafft, die das Verhältnis zu seiner Freundin gefährdet.

Auch im kanadischen Film „Mon dernièr été“ (My Last Summer) droht die Beziehung eines Jungen und eines Mädchens zu zerbrechen, als eine erschütternde Entdeckung den letzten Sommer in Unschuld einläutet. Das Verhältnis zur eigenen Religiösität wurde in Filmen aus zwei Ländern verhandelt, deren Verhältnis zueinander alles andere als unproblematisch ist. Im israelischen „Mushkie“ von Aleeza Chanowitz treffen Sex, Religion, Freundschaft und Geheimnisse aufeinander. Im iranischen „Bibi“ (Granny) geht es um den Versuch einer wortwörtlichen Grenzüberschreitung: Um der Großmutter die Reise zum Al-Arba’in-Gedenkfest im Irak zu ermöglichen, überlegt sich eine Gruppe von Kindern einiges, um ihr diesen Wunsch erfüllen zu können. Technologie wird hier – im Unterschied zu „True“ nicht zum Verhängnis der Protagonist*innen, sondern sie trägt stattdessen maßgeblich zur Lösung des Problems bei. Nach der Vorführung hatten die Schüler*innen die Gelegenheit, Saeed Nejati, dem Regisseur von „Bibi“, Fragen zu stellen.

Saeed Nejati (Filmemacher), Anoush Masoudi (Kurator des Länderschwerpunkts Iran) und Antony Kamp (Schüler und Mitkurator des "Teen Shorts"-Programms)

Saeed Nejati (Filmemacher, „Bibi“), Anoush Masoudi (Kurator des Länderschwerpunkts Iran) und Antony Kamp (Schüler und Co-Kurator des „Teen Shorts“-Programms) im Gespräch

Am Ende der Vorstellung konnten die Jugendlichen für ihren Favoriten abstimmen. Der vom Biotech-Unternehmen Jena Bioscience Publikumspreis „Teen Shorts Award“ wird bei der Preisverleihung am Samstag, den 29. April verliehen.

Wie man Papier zum Leben erweckt: cellu motion

Um 18 Uhr begann im Volksbad der Stop-Motion-Animationsworkshop „cellu motion“ mit dem französischen Künstler Thibault Joyeux. In halbstündigen Sessions konnten die Teilnehmer*innen lernen, was es heißt, eine Stop-Motion-Animation herzustellen.

Im Gespräch verriet Thibaults Assistentin und Produzentin Juliane Fischer, dass die Figur des liebenswerten Roboters Ed aus dem Studium der Paper-Cut-Out-Technik heraus entwickelt wurde. In bisher ingesamt vier Kurzfilmen treiben Ed und seine Freunde ihr Unwesen. Der letzte, „IKKARIA“, wurde in Jena gedreht und verarbeitet die griechische Ikarus-Mythologie.

Ed ist der Dreh- und Angelpunkt von Thibaults Schaffen – und Keimzelle für die übrigen Figuren, die sich aus den Quadraten und Grafiken, aus denen Ed zusammengesetzt ist, entwickeln. Nach einigen Workshops in Frankreich, wird im Rahmen des 18. cellu l’art Kurzfilmfestivals zum ersten Mal ein Ed’n’Robot-Workshop in Deutschland angeboten. Heute, am Freitag, den 28. April, zwischen 18 und 21 Uhr, habt ihr noch einmal die Chance, euch an der spannenden Animationstechnik auszuprobieren und euch mit Thibault und Juliane zu unterhalten. Mehr Informationen zu Thibault und Ed auf http://www.ednrobot-atelier.com (französischsprachig).

Die Welt der Musikvideos: Zeitgeist

In einem weiteren Lounge-Programmpunkt stellte der Kurator, Filmemacher und künstlerische Leiter des finnischen Loud Silents Stummfilmfestivals Otto Kylmälä Musikvideos vor, die gesellschaftlich aktuelle Themen aufgreifen und künstlerisch  verarbeiten. Das Screening begann mit heiter-experimentellen Clips, die die Netzkultur sowohl thematisieren als auch dadurch Teil von ihr werden. Eines der präsentierten Musikvideos ist „Drifted“ von The Shoes, welches eines der bekanntesten Internet-Memes spielerisch-eklektisch mit weiteren GIFs und Web-Videos kombiniert: „Dawson Crying“ bekommt den Mittelfinger entgegen gestreckt, muss dabei zusehen, wie ein Herz in den Windows-Papierkorb geschmissen und wie Kanye West auf einem Motorrad mit der barbusigen Kim Kardashian durch den Monument Valley rast.

Neben einigen weiteren amüsanten Musikclips, wurden auch ernstere Themen angesprochen: LGBT-Rechte, Flüchtlingskrise, häusliche Gewalt. Musikvideos wie „We Exist“ von Arcade Fire und „Borders“ von M.I.A. beweisen, dass Musikvideos mehr sein können als Werbevideos für Popmusik und dass sie mitunter komplexe Geschichten erzählen und an gesellschaftlich aktuelle und relevante Diskurse anknüpfen können. Über die bloße kommerzielle Funktion als Vermarktungsverlängerung hinaus, können Musikvideos so als Spiegel gesellschaftlicher Tendenzen und Probleme auftreten. Darüber hinaus bieten sie die Chance für Filmschaffende, eigene kreative Ideen zu verwirklichen.

Dass es jedoch alles andere als leicht ist, seine Ideen in der Musikvideoindustrie praktisch umzusetzen, zeigte das letzte Video, das Otto dem Publikum vorstellte. „Wyclef Jean“ handelt von den Problemen, die entstanden, als Young Thug – der Interpret des Songs – einfach nicht zum Dreh erschien und die Produktion zu zerplatzen drohte. Regisseur Ryan Staake machte aus der Not eine Tugend und erschuf ein ironisches, amüsantes selbst-referentielles Musikvideo – Unterhaltung gepaart mit augenzwinkernder Kritik.

 

ALLES KURZ UND KNAPP FÜR FREITAG (28. APRIL)

18.00 Uhr ____ Stop-Motion-Workshop: cellu motion
18.00 Uhr ____ Wettbewerb 5: Unschuldslämmer?!
18.15 Uhr _____ Wettbewerb 4: Strg + Alt + Escape?
20.00 Uhr ____ Länderschwerpunkt 3: Made in Iran
20.15 Uhr ____ Wettbewerb 3: Paranoide Portale
22.00 Uhr ____ Power and Passion
22.15 Uhr ____ Mockumentary
22.00 Uhr ____ Al Dente – Filme für den besonderen Geschmack

// karsten

Iran: Komplexe Gefüge und Küsse an Gläsern

Mittwoch 26.4.2017 Fangen wir mit den Kanadiern an. Mit Iran haben sie ein Land gefunden, bei dem einem nicht als erstes das Skifahren in den Sinn kommt. So können sie zwar ein anderes Licht auf das Land werfen. An einigen Stellen ihres Films „Iran: A Skier’s Journey“ wird jedoch sichtbar, dass ausländische Regisseure nicht davor gefeit sind, aus dem Iran heraus das zu berichten, was sie in ihn hineingetragen haben. Da fügt ein Schnitt Dinge zusammen, die so nicht zusammengehören – überspringt 500 Kilometer oder suggeriert unbedingte Geschlechtertrennung in der U-Bahn.

Es ist mal wieder alles nicht so einfach. Man sieht auch in Filmen nicht viel mehr als das, was man schon kennt. Man kann sich aber irritieren lassen. Dafür braucht man nur die Möglichkeit, neue Eindrücke sehen zu können, und Aufmerksamkeit.

Was auch hilft, ist eine Lounge. Zum ersten Mal als Begegnungsort beim Festival eingerichtet, soll sie eine Begegnungsstätte sein und als Ort für Gespräche dienen. So auch hier: Auf der Couch Platz genommen hatten Saeed Nejati, Anoush Masoudi und Felix Völkel. Einer ist aus dem Iran angereist und macht auf einer Tour durch Deutschland einen Zwischenstopp in Jena; der andere ist länger schon hier, ist selber Filmemacher und hat mit Fagus Pauly den Länderschwerpunkt kuratiert; der dritte stellt die Fragen.

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Vom Zeigen

Notwendigerweise war Zensur ein zentrales Thema. „Wir sind nicht glücklich damit, aber wir wissen, damit umzugehen“, stellte Saeed gleich zu Anfang klar. Wer das iranische Publikum respektieren will, der muss auch um seinetwillen bestimmte Zeigeverbote achten. Film, das wird hier deutlich, ist ein Medium der Öffentlichkeit. Was öffentlich gezeigt werden kann, kann im Film gezeigt werden. Was sich in der Öffentlichkeit verbietet, soll auch in Filmen nicht vorkommen. Der weltweit hochgeschätze Abbas Kiarostami zeigte deshalb Frauen nicht in der privaten Sphäre. Er müsste, weil er mit der Kamera in diesem Moment das Private in die Öffentlichkeit überführt, die Frauen auch in ihrem Zuhause mit Kopftüchern zeigen – und damit das Bild der Wirklichkeit verstellen. Deshalb kommen in seinen Filmen Frauen nur im öffentlichen Raum vor.

In „Social Learning Theory“ von Pouria Heydari Oureh zeichnen Kinder Erlebnisse auf und spielen sie nach. Die Affen im Zoo, das Tanzen auf einer Feier, eine öffentliche Hinrichtung: Was sie sehen, das regt sie an, es nachzuspielen. So lernen alle Kinder, so üben sie sich in gesellschaftliche Gepflogenheiten ein. Die Daten von bei solchen Spielen umgekommenen Kindern kontrastiert der Film am Ende mit Dokumentaraufnahmen von Hinrichtungen. Manche Zuschauer nehmen mit dem Handy auf, was sich vor ihren Augen abspielt. Die Kinder im Publikum hebt der Film farblich hervor.

Ähnlich verfährt „Naheed’s Story“, die Animationsdokumentation einer Hilfsorganisation für Flüchtlinge. Als sich da einmal die Hände zweier nebeneinander laufenden Mädchen berühren, umschließt er sie mit einem roten Kreis. Die kleine Intimität der beiden wird im Blick einer Passantin zum großen Ärgernis.

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Von den Verknüpfungen

Wer in Iran Filme macht, die dort auch von vielen gesehen werden sollen, der darf einige rote Linien nicht überschreiten. Der muss und kann aber einen kreativen Umgang damit finden. Kreativ sein, das heißt hier: symbolische Lösungen für Darstellungstabus finden. So kann der Kuss eines Paares nicht gezeigt werden. Aber ein Mädchen kann in einem Café aus einem Becher trinken und ein Junge fast von der selben Stelle des selben Bechers. Dann ist es, als hätten sich Mundwinkel berührt.

Aber die symbolischen Lesarten können auch fehlgehen. Saeeds Film „Soldiers Like the Storks“ konnte problemlos zweimal im iranischen Staatsfernsehen gezeigt werden. Auf einem Filmfestival jedoch durfte er nicht laufen. Ein Offizieller hatte die Symbolik des Films vor dem Hintergrund politischer Auseinandersetzungen gedeutet und schrieb ihm zu, als Fürsprecher des iranischen Nationalismus aufzutreten, der gegen die regierenden Kräfte opponiert. In dem Moment war die falsche Person mit der falschen Deutung am eigentlich richtigen Ort.

Die iranischen Filmemacher*innen, ob sie im Land arbeiten oder emigriert sind, die offiziellen Stellen oder die kanadischen Skifahrer: Sie alle sehen und zeigen etwas anderes. Bringt man ihre Perspektiven aber zusammen, kann etwas aufscheinen. Es sind solche Gefüge, in denen sich immer wieder etwas bewegt.

 

Weitere Termine des Länderschwerpunkts Iran:

27.04., 22.15 Uhr ____ Propaganda im 21. Jahrhundert

28.04., 20.00 Uhr ____ Made in Iran

// malte

Open Air: Tanz, Musik und Filme unter freiem Himmel

Dienstag 25.4.2017 Heute ist der erste Tag des Festivals. Die ersten Stunden meines Tages haben recht wenig mit dem cellu l’art zu tun. Während ich dem Alltäglichen nachgehe, wird im Faulloch schon kräftig aufgebaut. Ein faszinierender Prozess, wie aus  ganz vielen Stäben und Platten eine Bühne mit Leinwand und Technikturm werden.

11:00 Uhr Jetzt beginnt auch für mich das Festival. Zumindest ein bisschen. Ich bin für den Vorverkauf eingeteilt. Eigentlich keine besondere Aufgabe, habe ich doch vor genau einer Woche bereits in der Mensa gestanden und genau das gleiche (wahrscheinlich zu genau den selben Personen) gesagt. Und doch ist es heute anders. Vielleicht ist es die Tatsache, dass endlich die Programmhefte da sind oder der Gedanke an den großen Banner mit den Namen des Festivals, welcher im Faulloch hängt.  Was es auch sein mag, schon beim Gang zum Büro hatte ich dieses wunderbare Gefühl der Vorfreude in mir. Nur eine Sache will dieses Gefühl mit aller Macht vermiesen. Das Wetter! Schon Wochen vorher war es zum Running-Gag geworden, sich gegenseitig die Wettervorhersage von seinem Handy vorzulesen. Nun ist es allerdings kein Gag mehr, sondern der echte Faktor, der zwischen einem gelungenen Auftakt und einer großen Enttäuschung entscheiden kann. Nachdem am Montag noch wunderbares Wetter war, scheinen sich heute die dunklen Wolken nur so um einen Platz am Himmel zu streiten.

11:28 Uhr Wie das Wetter auch gerade sein mag, so ist es – für den Moment – nicht entscheidend. Ich stehe in der Mensa und habe gerade alles Wichtige auf den Tisch gelegt, da kommt, zwei Minuten vor offiziellem Verkaufsstart, schon die erste Person. Eine Karte für den Schock-Block. Natürlich zwei Minuten zu früh. Das Festival beginnt und wenn du heute zu langsam bist, dann rächt sich dein ständiges Aufschieben womöglich. Nicht so für diesen jungen Mann. Sein Wunsch sei mir Befehl.

13:30 Uhr Der Vorverkauf in der Mensa ist vorbei. Als wir die Sachen wieder zurücktragen, entscheiden wir uns für einen kleinen Umweg. Am Faulloch vorbei. Mittlerweile ist das Gröbste aufgebaut. Auf diesem Weg trifft man einige Mitglieder. Alle in eine andere Richtung unterwegs und alle mit einer anderen Aufgabe versehen.

18:30 Uhr In einer halben Stunde ist das Treffen für das Team-Foto. Nach und nach trifft das Team im Faulloch ein. Auch ich lasse alle Alltagsaufgaben beiseite und gehe zum Faulloch. Man wird direkt nett begrüßt und im Hintergrund ist die Band Skavida am Soundcheck. Es werden noch letzte Plakate aufgehangen und dann ist es soweit. Das Open Air kann beginnen. Der Himmel hat sich schon etwas gelichtet und die Temperatur hat sich bei 8°C eingependelt und ist damit besser als befürchtet, aber schlechter als erhofft. Trotzdem finden sich, durch den Soundcheck angezogen, schon einige Leute, die stehenbleiben und sich informieren. Bei mir. Ich habe wieder den selben Job wie schon wenige Stunden zuvor. Fragen beantworten und Tickets verkaufen.

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19:45 Uhr Die Band beginnt zu spielen und weiß das Publikum direkt in seinen Bann zu ziehen. Egal ob das erste Mal beim Open Air oder langjähriges cellu l’art – Mitglied, ob Rock- oder Hip-Hop-Fan, später sind sich alle einig, dass Skavida eine tolle Band zur Festivaleröffnung gewesen ist.

21:00 Uhr Die Sonne geht unter und es wird Zeit für die Kurzfilme. Wir haben den Zuschauerpeak erreicht und man kann sich nur noch schwer durch die Menge bewegen. Auch wenn dieses Jahr nicht so viele Leute da waren wie im letzten, so kann man, auch aufgrund des Wetters, von einem vollen Erfolg reden. Sobald die Kurzfilme anfangen, fängt das gerade noch am Tanzen gewesene Publikum an, gebannt auf die Leinwand zu gucken. Es wird gelacht und sich die Augen zugehalten. Ein Publikumsliebling ist „Python and Guard“ von Anton Diyakov. Der Animationsfilm über die ungewöhnliche Partnerschaft zwischen einer Schlange und einem Wächter ruft allgemeines Gelächter hervor.

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22:20 Uhr Wir bewegen uns Richtung letzte halbe Stunde und das Thermometer Richtung Minusgrade. Diese Temperaturen zwingen so manchen Kurzfilmfan dann doch in die Knie und man kann sich den letzten Filmblock recht ruhig und ohne Gedränge anschauen. Auch hier haben sich wieder einige Kurzfilmperlen gefunden. So zum Beispiel „Slaves of the Rave“ von William Garratt.

23:00 Uhr Die Hartgesottenen, die es bis zum Schluss geschafft haben, gehen zufrieden und mit vielen Eindrücken nach Hause. Das Team muss noch schnell die kleinen Sachen wie Plakate und Flyer, zusammenräumen und dann geht es auch für uns nach einem sehr erfolgreichen Festivalauftakt nach Hause.

Wir bedanken uns nochmal herzlich bei allen Anwesenden und freuen uns, euch im Laufe der Woche noch so manches Mal anzutreffen.

 

ALLES KURZ UND KNAPP FÜR MITTWOCH (26. APRIL)

18.00 Uhr ____ Länderschwerpunkt Iran 1: In den Underground
19.30 Uhr ____ Salam
20.00 Uhr ____ Wettbewerb 1: Unerwünscht
22.00 Uhr ____ Wettbewerb 2: Du & Ich – Da stimmt was nicht!

// felix

kurz & queer: Queerer Kurzfilmabend im Weimarer Lichthauskino

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„Kurz und queer“ ging es am vergangenen Mittwoch im Lichthauskino Weimar zu. Dort wurden nämlich acht Kurzfilme mit queerer Thematik gezeigt, die das cellu l’art Kurzfilmfestival zusammen mit dem backup_festival Weimar ausgewählt hatte: Sieben Lieblinge der Festivals plus der noch nicht gezeigte schwedische Animationsfilm „Moms on Fire“ als Bonuszugabe. Aufgrund des regen Interesses wurde schnell deutlich, dass Kinosaal 1 nicht ausreichen würde, um all die Gäste zu beherbergen. Kurzerhand wurde also in den größeren Saal gewechselt – jetzt konnte es losgehen!

Mit dabei waren die Filme „Beyond the Mirror’s Gaze“ von Iris Moore und „Mamma vet bäst“ (Mother Knows Best) von Mikael Bundsen, die zuletzt im queeren Programm des 17. cellu l’art Kurzfilmfestivals im April 2016 liefen. Danach wurden ein Film aus Norwegen und ein Film aus Deutschland präsentiert: Während der norwegische Spielfilm „Shower“ von Christian Norvall die folgenreiche Begegnung zweier Männer im Duschraum einer öffentlichen Badeanstalt schildert, thematisiert Gregor Zootzky in seiner Animation „Hermes & Aphrodite“ Intersexualität. Sensibel und mit kindlichem Pinselstrich erzählt er von den gesellschaftlichen Schwierigkeiten, mit denen sich viele intergeschlechtliche Kindern konfrontiert sehen. Mehr zum Thema und zu den Hintergründen des Films findet ihr auf seiner Webseite.

© Francy Fabritz: „Etage X“ (2016) | Bildquelle: ag-kurzfilm.de

Mit Francy Fabritz‘ „Etage X“ wurde anschließend ein Film gezeigt, der bereits bei unserem alternativen Pornofilmabend „Es kommt nicht auf die Länge an“ für Lacher und amüsierte Reaktionen sorgen konnte. Das Zwei-Personen-Stück kommt fast gänzlich ohne Dialog aus und beschränkt sich nahezu ausschließlich auf den Fahrstuhl als Handlungsort. Die Ausgangssituation ist so simpel wie bekannt: Zwei Frauen treffen sich im Fahrstuhl. Dann bleibt er stecken. Was dann folgt, ist jedoch nicht nur überraschend, sondern ebenso witzig wie sympathisch dargestellt, gleichsam frech wie sensibel erzählt.

Dass Regisseurin Francy Fabritz das Innenleben der Figuren im Drehbuch minutiös beschrieben hat, aber dennoch genug Freiraum für die Schauspielerinnen ließ, um das Eigenste in ihre Rollen einbringen zu können, konnte Eva Medusa Gühne, eine der beiden Darstellerinnen, im Filmgespräch verraten. Auch dass ihre Schauspielkollegin Morgana Muses weder ausgebildete Schauspielerin noch eigentlich in Deutschland ansässig ist, sondern eigentlich Produzentin feministischer Pornografie ist und in Australien lebt, gab sie preis.

Bevor sich in Kai Stänickes Musikvideo zu The Hidden Cameras‘ „Carpe Jugular“ Liebe, Gewalt und Leidenschaft zu einer explosiven Mischung verbanden und zwei Mütter in Joanna Rytels „Moms on Fire“ gegen sämtliche Anstandsnormen rebellierten, durfte der Kinosaal einen weiteren Gast begrüßen: Jan Soldat zeigte die Kurzdokumentation „Zucht und Ordnung“, die 2013 auf dem  cellu l’art Kurzfilmfestival gezeigt wurde und unter anderem auch auf der Berlinale lief. Hier wird ein Einblick in das Sexleben von Manfred und Jürgen gewährt, die sich in ihrem Wohnzimmer sadomasochistischen Praktiken hingeben und sich dazwischen – wie man’s vielleicht von den eigenen Großeltern kennt – neckisch angrummeln.

Im Gespräch erzählte Jan davon, dass er das Paar auf einer Sex-Website gefunden hatte und er nur wenige Stunden bei ihnen in der Wohnung war. Das (beschämte? verunsicherte? amüsierte?) Lachen des Publikums während des Filmscreenings warf außerdem die Frage auf, worauf solch eine Reaktion gründet: Ist es der für die meisten Zuschauer*innen ungewohnten Situationen geschuldet, älteren Menschen bei „ungewöhnlichen“ Sexpraktiken zuzuschauen oder gibt es andere Gründe? Festzuhalten ist, dass Jan Soldat mit „Zucht und Ordnung“ ein Film gelungen ist, der das Tabuthema ‚Sex und Alter‘ respektvoll und trotzdem ohne jeglichen Moralisierungsversuch behandelt. Ein Thema übrigens, das auch in seinen anderen Dokumentationen immer wieder auftaucht. Wer mehr über Jan und sein Schaffen erfahren will, dem*der sei das Porträt von Dennis Vetter auf shortfilm.de empfohlen. In unserem Mitteldeutschland-Special „Ab durch die Mitte“ am 29. April zeigen wir außerdem einen weiteren Film von Jan aus dem Jahr 2008.

Das komplette Filmprogramm:

Beyond the Mirror’s Gaze (Kanada 2013, Iris Moore)
Etage X (Deutschland 2016, Francy Fabritz)
Shower (Norwegen 2012, Christian Norvalls)
Hermes & Aphrodite (Deutschland 2013, Gregor Zootzky)
Mamma vet bäst (Schweden 2016, Mikael Bundsen)
Zucht und Ordnung (Deutschland 2012, Jan Soldat)
The Hidden Cameras – Carpe Jugular (Deutschland 2014, Kai Stänicke)
Moms on Fire (Schweden 2016, Joanna Rytel)

Ihr wollt noch mehr queere Kurzfilme sehen? Dann merkt euch schon mal den 23. Mai vor! Dann zeigen wir im Rahmen des IDAHoBIT*-Festivals einen queeren Kurzfilmabend im Kulturbahnhof Jena. Aber zuerst: Festival 2017, here we come!

// hanna

Filmland Iran: Länderschwerpunkt beim 18. cellu l’art und Café International

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Länderabend Iran beim Café International

Das Bild des Irans in Europa ist geprägt von Gegensätzen: zwischen Tradition und Moderne, Zensur und eigener Ästhetik. Ähnlich verhält es sich bei der individuellen Auseinandersetzung mit dem Thema. Zum einen ist es spannend, eine ganz andere Kultur kennenzulernen, doch zum anderen verunsichern die Bilder und Nachrichten von militärischen Einsätzen und religiöser Strenge. Danach heißt es: Fernseher aus, Zeitung zuklappen – „Aus den Augen, aus dem Sinn“.
Beim Café International zum Thema Iran im April gelten keine Ausreden, dann muss man hinsehen. Im wahrsten Sinne des Wortes! In einer Kooperation zwischen cellu l’art und dem Café International wollen wir uns dem vielschichtigen Land über Kurzfilme und landestypische Speisen nähern. Anoush Masoudi, der in Teheran Film studiert hat, wird über das Land berichten.

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Länderschwerpunkt beim 18. cellu l’art
Wer dann neugierig geworden ist und noch mehr erfahren und sehen möchte, kann das beim diesjährigen Länderschwerpunkt Iran tun. Am Mittwoch, den 26.04. wird dieser in der Lounge eröffnet. Dazu gibt es wiederum eine kleine kulinarische Überraschung aus dem Iran und ein Podiumsgespräch zur Einführung in das Thema.
Während der Festivalwoche gibt es dann insgesamt drei Filmprogramme mit unterschiedlichen Themen. Unter dem Titel „Made in Iran“ sind das zum einen offizielle iranische Spiel- und Experimentalfilme, die trotz staatlicher Zensur ihre eigene Ästhetik entwickelt haben. Ein gutes Beispiel dafür sind die (Lang)Filme des Regisseurs Asghar Fahadi, der zuletzt für seinen Film „The Salesman“ einen Oscar gewann. Die Filmemacher wollen dabei in politischen Konflikten keine Position beziehen, verarbeiten soziale Problematiken aber dennoch symbolisch in ihren Arbeiten über allgemeine Themen wie Familie.

Ein Bild aus dem Film "The Gambler", einer Geschichte über Rache.

Einblick in das Filmprogramm: Mit „The Gambler“ von Karim Lakzadeh wird eine Geschichte über Rache gezeigt.

Als gegensätzliche Extreme werden aber auch Propaganda- und Undergroundfilme vorgestellt.
Die Undergroundfilmszene besteht aus Filmemachern, die durch digitale Medien eine Möglichkeit gefunden haben, unabhängig von staatlicher Förderung zu arbeiten. In ihren Filmen erzählen sie Geschichten über (politische) Konflikte im Iran, Homosexualität und Frauenrechte, die im iranischen Kino nicht erlaubt sind. Sie werden im Programm „In den Underground“ gezeigt.
Obwohl Propaganda uns in Deutschland wie ein Relikt vergangener Zeit vorkommt, ist sie im Iran ein wichtiges Element vieler Filme. Die ideologische Beeinflussung gegenüber bestimmten Ländern oder die Arbeiter- oder Frauenbewegung ist heutzutage subtiler geworden und kann zum Beispiel auch in Musikvideos vermittelt werden. Das Programm „Propaganda im 21. Jahrhundert“ beschäftigt sich mit diesem Phänomen. Gleichzeitig soll die Beschäftigung mit iranischer Propaganda im Kurzfilm ganz allgemein das Bewusstsein für filmische Ausdrucksweisen der Propaganda – auch in westlichen Medien – schärfen.

Ein Beispiel für moderne Propaganda ist das Musikvideo "Fake Heroes".

Ein Beispiel für moderne Propaganda ist das Musikvideo „Fake Heroes“.

Kommt vorbei, wenn ihr diesen Einblick in unterschiedliche Bereiche des iranischen Lebens und Films nicht verpassen wollt!

Länderabend Iran – 19.04., 20 Uhr im Haus auf der Mauer
Länderschwerpunkt 1: „In den Underground“ – 26.04., 18 Uhr im Volksbad
Länderschwerpunkt 2: „Propaganda im 21. Jahrhundert“ – 27.04., 22:15 Uhr im Volksbad
Länderschwerpunkt 3: „Made in Iran“ – 28.04., 20 Uhr im Volksbad

// christoph

Von blutrünstigen Mäusen, einsamen Monstern und verlotterten Mitbewohnern: Die „Schock-Blöcke“ beim 18. Landshuter Kurzfilmfestival

Eine Fahrt ins schöne Landshut lohnt sich wegen seiner farbenfrohen, historischen Altstadt, Burg Trausnitz und der Martinskirche mit dem weltweit höchsten Backsteinturm eigentlich immer. Kurzfilmfans sollten sich für eine Reise trotzdem den März dick im Kalender anstreichen. Dann organisiert Festival-Urgestein Michael Orth mit seinem Team das Landshuter Kurzfilmfestival – in diesem Jahr schon zum 18. Mal.

18. Landshuter Kurzfilmfestival

Endlich habe auch ich es einmal nach Niederbayern geschafft. Meine Mission: Die besten Thriller, Horrorkurzfilme und Black Comedies für unseren „Schock-Block“ finden. Dazu bekommt man in Landshut gleich in acht internationalen Schock-Block-Programmen die Gelegenheit. Klar, dass da für so ziemlich jeden (Horror-)Geschmack etwas dabei ist. Meine Highlights:

Det Sjunkne Kloster (The Sunken Convent, Dänemark 2016, Michael Panduro)

Zentropa heißt die Produktionsfirma dieses perfiden Psychogramms. Kennt man doch irgendwoher, oder? Genau, Lars von Trier! Und ganz von-Trier-like gibt’s hier ’nen ziemlich expliziten Blick in die menschlichen Abgründe. Bleibt haften!

Quenottes (Pearlies, Luxemburg/Frankreich 2016, Pascal Thiebaux/Gil Pinheiro)

Von wegen Zahnfee! Hier hängt eine neurotische Maus an ihrer Zahnsammlung. Und wehe es fehlt auch nur ein einziger… Hier könnt ihr euch den Trailer ansehen.

Larry Gone Demon (USA 2015, Matthew John Lawrence)

Fast jeder hat/kennt einen Mitbewohner wie Larry: Er redet nicht viel, ist chronisch unpünktlich beim Zahlen der Miete und nimmt es auch mit der Körperhygiene nicht so furchtbar genau. Herrlich überdrehter Splatter! Den Film in kompletter Länge gibt’s hier!

Eddie (UK 2016, John Lynch)

Von Larry zu Eddie: Der sitzt als blutüberströmtes Versuchskaninchen mit einem Wissenschaftler in einem Labor irgendwo im Nirgendwo fest. Klar, das zerrt an den Nerven… Schaut euch die Website mit Trailer an!

Siyah Çember (Black Ring, Türkei 2016, Hasan Can Dagli)

Vielleicht der am besten fotografierte Film im Wettbewerb. Komplett dialogfrei und nüchtern wird hier die Geschichte eines morbiden Rituals der Künstlerszene erzählt. Durchaus verdienter Gewinner des Deadline_Awards der Jury.

Meine Reise nach Landshut hat sich angesichts der vielen herausragenden Filme in jedem Fall gelohnt. Und einige davon wird es dann definitiv in gut einem Monat auch beim 18. cellu l’art zu sehen geben.

// felix

Prague Short Film Festival: Kurzes in der Goldenen Stadt

Während die Tickets für unseren ersten Pornokurzfilmabend weggingen wie warme Semmeln, stand auch die tschechische Hauptstadt Prag in den Startlöchern für ein Kurzfilmevent. Vom 18. bis zum 22. Januar fand dort nämlich das 12. Prague Short Film Festival statt, um die Nachmittage und Abende mit allerlei internationalen Kurzfilmen zu füllen. Eine gute Gelegenheit, um vorbeizuschauen und nach sehenswerten Filmen Ausschau zu halten.

Banner des 12. Prague Short Film Festival | Bildquelle: www.pragueshorts.com

Banner des 12. Prague Short Film Festival | Bildquelle: www.pragueshorts.com

Im diesjährigen internationalen Wettbewerb waren insgesamt 21 Filme aus 18 Ländern zu sehen. Zusätzlich wurde das Programm mit diversen Specials verfeinert: So zeigte „From Balkan with Love“ aktuelle preisgekrönte Filme aus den Ländern des Balkans, während „Check the Czechs“ einen Überblick über neue Filme aus der Tschechischen Republik bot. Anlässlich der 70. Verleihung der Filmpreise der British Academy of Film and Television Arts wurden außerdem britische Filme gezeigt, die in den letzten Jahren entweder einen Preis gewannen oder nominiert gewesen waren. In einer Retrospektive wurde das Schaffen der schwedischen Regisseurin Ninja Thyberg gewürdigt, die sich in ihren Kurzfilmen mit weiblicher Sexualität und Geschlechterrollen beschäftigt, während der Themenblock „Trouble Every Day“ Filme vorstellte, in denen die Protagonist*innen mit alltäglichen und weniger alltäglichen Problemen konfrontiert werden und versuchen, diese auf unorthodoxe Art und Weise zu lösen. In Kooperation mit den Fernsehprogrammanbietern HBO und Cinemax  wurde mit der Vorführung der britischen Mini-Serie „Neil Gaiman’s Likely Stories“ außerdem die Anbindung an moderne Fernsehunterhaltung gesucht.

Das Prager Kurzfilmfestival konzentriert sich nahezu ausschließlich auf Kurzspielfilme. Animationen, Dokumentationen und Experimentalfilme spielen hier eine untergeordnete Rolle. Lediglich in dem Programm „The Lab – Experiment and New Ways“ wird auch Filmen Raum gegeben, die sich abseits des narrativ-fiktionalen Films bewegen. Als eine Art Mischung aus Schock-Block à la cellu l’art und Eject Project à la interfilm könnte man wohl die Brutal Relax Show bezeichnen, die am Samstag- und am Sonntagabend zahlreiche Besucher*innen in die Kinos lockte. Über zwei Stunden lang gab es hier vor allem absurde, blutige und abgefahrene Filme zu sehen. Mit von der Partie war zum Beispiel „Action Man: Battlefield Casualties“, eine schwarzhumorige Abrechnung mit der Rekrutierungspolitik des britischen Militärs.

Das Festivalprogramm abseits der Filme war überschaubar: Ein Workshop für die Filmindustrie leitete das Wochenende ein und am selben Tag folgte eine Party im Anschluss an die XXL-Version des „Check the Czechs“-Programm. Am Sonntag wurden auf der Abschlusszeremonie schließlich die Gewinnerfilme gekürt: Der mit 2.000 Euro dotierte Grand Prix wurde dem formal zurückgenommenen Film „In the Year of the Monkey“ von Wregas Bhanuteja vergeben, der mit einer spielerischen Idee ein Schlaglicht auf soziale Verhältnisse und Geschlechterdynamiken im heutigen Indonesien wirft.

Besondere Erwähnung fanden der französische „Chasse Royal“ und der nepalesische „Dadyaa: The Woodpeckers of Rotha“, der drei Tage darauf auch den Special Jury Award for Cinematography beim Sundance Film Festival ergattern konnte. Publikumsliebling war die absurde Komödie „The Red Light“ aus Bulgarien. Mehr zu den Gewinnern und zum Festival findet ihr auf http://pragueshorts.com/en.

// christoph

Interfilm 2016: Von verlorenen Köpfen und sprechenden Gewehrkugeln – Die Animationen im Internationalen Wettbewerb

Herzstück jedes (Kurz-)Filmfestivals sind ohne Frage die Wettbewerbe. Bei der Interfilm gibt es 2016 gleich deren sechs. Der größte davon ist wie immer der Internationale Wettbewerb mit seinen acht Programmen und insgesamt 70 Filmen. Die Animationen sind mit 40 vs. 30 gegenüber der Live Action sogar in der Überzahl.

Die beiden ersten Programme des internationalen Wettbewerbs widmen sich wie in den letzten Jahren ausschließlich den Animationskünstlern aus aller Welt. Dass Festivalchef Heinz Hermanns ein großer Fan von Zeichentrick, Stop-Motion und Co. ist, versteht man angesichts der Wettbewerbsfilme sofort.

Animated 1: Crossing Worlds zeigt gleich zum Auftakt mit dem flotten 3-minüter „Stems“ von Ainslie Henderson aus Schottland, warum nicht nur Zuschauer und Festivalleiter, sondern gerade auch die Filmemacher selbst so verliebt sind in die Animation. In dieser Stop-Motion begegnet man liebevoll zusammengebastelten kleinen Musikern, die gleich den richtigen Ton für das weitere Programm vorgeben. Der Schweizer Animations-Routinier Georges Schwizgebel sorgt in seinem typischen Gemäldestil für Gänsehaut bei der großartigen Interpretation von Goethes „Erlkönig“.

Eine sprechende Gewehrkugel im Kopf eines Wolfes spielt in Aurore Peuffiers „Du Plomb Dans La Tête“ die Hauptrolle und zeigt, wie man die Möglichkeiten der Animation auch zum Erzählen ungewöhnlicher Geschichten einsetzen kann. Auch zum Ende hin wird der Block nicht schwächer, ja erreicht mit dem wahnwitzigen „Decorado“ (ESP/FRA 2016) von Alberto Vazquez sogar seinen Höhepunkt.

Auch Animated 2: Searching for Sense präsentiert fast durchweg hohes Niveau bei seinen Filmen. Jan Saskas „Happy End“ aus Tschechien ist die bitterböse, rückwärts erzählte Suche nach dem Mörder einer ziemlich zerschundenen Leiche. Mithilfe moderner Computertechnik vermitteln Regisseur Franck Dion und die französisch-kanadische Produktion „Une Tête Disparaît“ die Tragik der Vergesslichkeit. Und „Filthy But Fine“ (USA, Arthut Metcalf) zeigt zum Abschluss nochmal, mit wie viel Tempo und Wildheit man im Animationsfilm erzählen kann.

Mein Fazit: Fantasievoller, vielfältiger und sehenswerter kann Animation kaum sein.