Die Möglichkeiten des Kurzfilms
Die Regisseure der Kurzfilme “4qm” und “soft skills”, Michael Geithner und Christian Gesellmann, im Interiew
Ist das Drehen von Kurzfilmen für euch der erste Schritt zum Langfilm? Oder seid ihr vordergründig an dem Format Kurzfilm interessiert?
MG: Momentan sind es Kurzfilme, die ich drehen will. Ob ich später Langfilme machen möchte, weiß ich noch nicht. Für mich gilt es gerade herauszufinden, was für Filme ich überhaupt machen möchte. Es gilt, alles einmal ausprobiert zu haben, um sich dann aller filmischen Mittel bewusst, für die Geilsten zu entscheiden. Das ist auch ganz eng an meine persönliche Entwicklung geknüpft. Solange ich in diesem Lernprozess stecke, wäre es unsinnig viel Geld und Zeit in ein Projekt zu investieren, welches mich ein Jahr oder länger beschäftigen würde. Gerade jetzt spiele ich mit Komödie und improvisiertem Schauspiel herum, was mir so einen Heidenspaß bereitet, dass ich sofort sagen könnte: Das mache ich für den Rest meines Lebens, scheiß auf die Länge! Aber frag mich in einem halben Jahr noch einmal.
CG: Giorgio Manganelli hat den literarischen Gegenstand als „verschwiegenes Gewebe aus klangvollen Worten“ beschrieben. Diese Verschwiegenheit, in unendlicher Varianz interpretierbar, ist für mich das reizvolle an Kunst. Ein Kurzfilm bietet viel mehr als ein Langfilm die Möglichkeit, diese faszinierende Undurchsichtigkeit zu gestalten. In einem 90 Minuten langen Film muss man einfach viel mehr erklären.
Wie seht ihr die Möglichkeiten des Kurzfilms?
MG: Wirtschaftlich? In die Zukunft gedacht? – seit MTV kein Frage mehr. Die Eigenarten des Genres? – die wohl anstrengendste Möglichkeit des Kurzfilms ist sein Verlangen nach Präzision. Du musst einfach all deine weit verstreuten Gedanken zusammen sammeln, sortieren, auf den Punkt bringen und dann alles in einem Satz ausdrücken können. Was hast du letzte Nacht geträumt? – in einem Satz und bitte noch so, dass ich es verstehe! Es gibt schöne Kurzfilme, die sich diesem Problem entziehen, aber für mich ist es eher ein Anreiz, sich diesen Vorgaben zu fügen und sich selber so sehr zu beschneiden, bis das, was übrig bleibt, so konzentriert ist, dass es dich umreißt!
CG: Der Kurzfilm wird nie alt und es sollten viel mehr gezeigt werden. Ich bin für Kurzfilme als Vorprogramm im Kino, das wäre doch toll!
Wie kam es zu eurer Zusammenarbeit? Plant ihr weitere gemeinsame Projekte?
MG: Ich denke, dass wir beide großes Interesse an der Person des Anderen haben. Unsere Herangehensweise an Geschichten ist sehr verschieden, aber wir verstehen uns persönlich sehr gut. Was will man mehr? Der Rest ist kreative Kollision. Es wird weitere Projekte geben, aber ob dies Filme sein werden, weiß ich nicht. Gerade will ich mit möglichst verschiedenen Leuten herumschaffen. Christian ist einer meiner besten Freunde, der selber schreibt, da lassen sich die Gespräche über Filme, Bücher und Ideen kaum vermeiden. So kann es gern bleiben!
CG: Wir kennen uns aus der Schule. Michaels Zielstrebigkeit und Begeisterung hat mich (und viele andere auch, glaub ich) einfach begeistert und weil ich mit dem Schreiben ein bisschen in die Sackgasse geraten war und aus Neugier, Aktionismus und Langeweile hab ich mich aufgedrängelt. Wir haben uns Kurzgeschichten hin und her geschickt, viel darüber geredet, in einen großmäuligen, whiskeygeschwängerten Rausch geschwatzt, bis wir die Sachen dann schon aus Selbstachtung umsetzen mussten.
Wir ergänzen uns einfach gut, es entsteht aus fast jedem Gespräch ein kreativer Strudel, viele Ideen, in denen unsere Unterschiedlichkeit animierende Reibepunkte setzt. Aber jetzt habe ich die Schnauze voll von dem Typ und wir schicken uns höchstens noch Postkarten vom Maharadschi.
Von 4m² zu soft skills gab es eine Entwicklung: den zweiten Film habt ihr euch vom StuRa der FSU Jena und dem Kulturamt Zwickau fördern lassen. Ist es schwer, Fördergelder für Kurzfilmprojekte zu bekommen? Hättet ihr auf andere Institutionen zurückgreifen können?
MG: Es war unser erster Versuch, eine Förderung zu bekommen und das gleich mit Erfolg. Wir waren beide ein wenig überrascht, da man uns die Zusage erst nach dem Dreh mitteilte, als wir den größten Teil der Kosten schon selbst getragen hatten. So bekamen wir dann unsere Ausgaben vollständig wieder herein. Wir hatten uns auch bei anderen Institutionen beworben, ohne Erfolg.
CG: Für die vorhergehenden Projekte hatten wir ja auch Sponsoren. Das waren kleine Privatunternehmen, ein Baumarkt, eine Pizzeria, das JBZ, eine Weberei, wo ich einfach hingegangen bin und die so lang beschwatzt habe, bis sie was locker machten. Man sollte die Kunstbeflissenheit von Baumarktleitern nicht unterschätzen!
Wie sah euer Zeitmanagement von der Idee zum Film aus? Wie lang dauert so eine Umsetzung?
MG: Bei 4m² brauchte ich vom Konzept bis zum Dreh Fünf Monate. Dann nur noch einen Monat für die Postproduktion. Bei Soft Skills (an dieser Stelle muss ich unweigerlich lachen, Christian auch denke ich) brauchten wir vom ersten Konzept bis zum Dreh über ein Jahr. Bis zu Premiere vergingen dann noch einmal sechs Monate. Zu viel, wie sich für mich herausstellte, denn wir hatten letztlich Ideen für mehrere Filme in einem zusammengeschnürt. Das hat seinen Reiz, doch war in dieser Intensität nicht gewollt.
CG: Sobald man das Drehbuch fertig hat, das Storyboard gemalt ist, die Gelder zusammengeschnorrt, ein Drehort gefunden, einen Drehtermin, an dem alle des vorher ausgesuchten Teams (Licht, Maske, Kostüm, Kulisse, Kamera, Assistenz, Continuity, Musik, Ton, Standfotograf, Catering) Zeit haben, die Musik ausgesucht und komponiert und eingespielt ist, die Kostüme ausgesucht, die Technik beschafft und die Schauspieler gecastet sind, kann es losgehen. Und dann dauert’s in der Regel nur noch so lange, wie es dauert!
Habt ihr mit professionellen Schauspielern zusammen gearbeitet oder haben euch Bekannte ausgeholfen?
MG: Bei beiden Filmen spielten sowohl professionell ausgebildete Schauspieler, wie auch Laien für uns. Dabei muss ich einen aktuellen Film empfehlen: „Preußisch Gangstar“. Der wurde mit Laien in den Hauptrollen inszeniert und zeigt eindrücklich, wie spannend das sein kann.
CG: Es spielen professionelle Schauspieler vom Theater Zwickau-Plauen, Magdeburg und Leipzig. Und ein Schulfreund, eine Freundin meiner Freundin und ein Freund der Eltern meiner Freundin. Unsere beiden Mütter spielen auch mit!
Wie stellt ihr euch eure Zukunft als Filmemacher vor?
MG: Am schönsten wäre es, wenn ich einfach die Filme drehen kann, die ich will und das, bis es mich nicht mehr gibt. Dazwischen realisiere ich noch ein paar Musikvideos, Werbespots und Computerspiele.
CG: Eine Schauspielerin fragte mich mal, als ich bei einem Dreh die Regieassistenz machte, ob ich später Regie führe wolle – sie hatte keine Ahnung, dass ich schon längst studierte. „Könnte schon sein?“, entgegnete ich. Sie meinte nur: „Na, entweder das, oder du bleibst dein Leben lang bei der Stoppuhr [wichtiges Werkzeug eines Regieassis].“ Ich denke sie hat Recht. Und jetzt muss ich los, ganz viel arbeiten.

einem Unfall, bei dem seine Freundin Lara ums Leben kam, im Koma liegt und Lesters alter Freund Kai, Assistenzarzt und Betreuer Lesters. Um Lester ins Leben zurückführen zu können, muss Kai in das Bewußtsein des Freundes vordringen, denn Lester muss zunächst von Lara loslassen. MORGEN IST DIE NACHT VORBEI ist ein sehr persönlicher Film, denn Regisseur und Autor Christian musste als Kind selbst die Erfahrung einer Narkosebehandlung erleben und kam in seiner Zivizeit im Krankenhaus oft mit Komapatienten in Berührung.