// felix

Prague Short Film Festival: Kurzes in der Goldenen Stadt

Während die Tickets für unseren ersten Pornokurzfilmabend weggingen wie warme Semmeln, stand auch die tschechische Hauptstadt Prag in den Startlöchern für ein Kurzfilmevent. Vom 18. bis zum 22. Januar fand dort nämlich das 12. Prague Short Film Festival statt, um die Nachmittage und Abende mit allerlei internationalen Kurzfilmen zu füllen. Eine gute Gelegenheit, um vorbeizuschauen und nach sehenswerten Filmen Ausschau zu halten.

Banner des 12. Prague Short Film Festival | Bildquelle: www.pragueshorts.com

Banner des 12. Prague Short Film Festival | Bildquelle: www.pragueshorts.com

Im diesjährigen internationalen Wettbewerb waren insgesamt 21 Filme aus 18 Ländern zu sehen. Zusätzlich wurde das Programm mit diversen Specials verfeinert: So zeigte „From Balkan with Love“ aktuelle preisgekrönte Filme aus den Ländern des Balkans, während „Check the Czechs“ einen Überblick über neue Filme aus der Tschechischen Republik bot. Anlässlich der 70. Verleihung der Filmpreise der British Academy of Film and Television Arts wurden außerdem britische Filme gezeigt, die in den letzten Jahren entweder einen Preis gewannen oder nominiert gewesen waren. In einer Retrospektive wurde das Schaffen der schwedischen Regisseurin Ninja Thyberg gewürdigt, die sich in ihren Kurzfilmen mit weiblicher Sexualität und Geschlechterrollen beschäftigt, während der Themenblock „Trouble Every Day“ Filme vorstellte, in denen die Protagonist*innen mit alltäglichen und weniger alltäglichen Problemen konfrontiert werden und versuchen, diese auf unorthodoxe Art und Weise zu lösen. In Kooperation mit den Fernsehprogrammanbietern HBO und Cinemax  wurde mit der Vorführung der britischen Mini-Serie „Neil Gaiman’s Likely Stories“ außerdem die Anbindung an moderne Fernsehunterhaltung gesucht.

Das Prager Kurzfilmfestival konzentriert sich nahezu ausschließlich auf Kurzspielfilme. Animationen, Dokumentationen und Experimentalfilme spielen hier eine untergeordnete Rolle. Lediglich in dem Programm „The Lab – Experiment and New Ways“ wird auch Filmen Raum gegeben, die sich abseits des narrativ-fiktionalen Films bewegen. Als eine Art Mischung aus Schock-Block à la cellu l’art und Eject Project à la interfilm könnte man wohl die Brutal Relax Show bezeichnen, die am Samstag- und am Sonntagabend zahlreiche Besucher*innen in die Kinos lockte. Über zwei Stunden lang gab es hier vor allem absurde, blutige und abgefahrene Filme zu sehen. Mit von der Partie war zum Beispiel „Action Man: Battlefield Casualties“, eine schwarzhumorige Abrechnung mit der Rekrutierungspolitik des britischen Militärs.

Das Festivalprogramm abseits der Filme war überschaubar: Ein Workshop für die Filmindustrie leitete das Wochenende ein und am selben Tag folgte eine Party im Anschluss an die XXL-Version des „Check the Czechs“-Programm. Am Sonntag wurden auf der Abschlusszeremonie schließlich die Gewinnerfilme gekürt: Der mit 2.000 Euro dotierte Grand Prix wurde dem formal zurückgenommenen Film „In the Year of the Monkey“ von Wregas Bhanuteja vergeben, der mit einer spielerischen Idee ein Schlaglicht auf soziale Verhältnisse und Geschlechterdynamiken im heutigen Indonesien wirft.

Besondere Erwähnung fanden der französische „Chasse Royal“ und der nepalesische „Dadyaa: The Woodpeckers of Rotha“, der drei Tage darauf auch den Special Jury Award for Cinematography beim Sundance Film Festival ergattern konnte. Publikumsliebling war die absurde Komödie „The Red Light“ aus Bulgarien. Mehr zu den Gewinnern und zum Festival findet ihr auf http://pragueshorts.com/en.

// christoph

Interfilm 2016: Von verlorenen Köpfen und sprechenden Gewehrkugeln – Die Animationen im Internationalen Wettbewerb

Herzstück jedes (Kurz-)Filmfestivals sind ohne Frage die Wettbewerbe. Bei der Interfilm gibt es 2016 gleich deren sechs. Der größte davon ist wie immer der Internationale Wettbewerb mit seinen acht Programmen und insgesamt 70 Filmen. Die Animationen sind mit 40 vs. 30 gegenüber der Live Action sogar in der Überzahl.

Die beiden ersten Programme des internationalen Wettbewerbs widmen sich wie in den letzten Jahren ausschließlich den Animationskünstlern aus aller Welt. Dass Festivalchef Heinz Hermanns ein großer Fan von Zeichentrick, Stop-Motion und Co. ist, versteht man angesichts der Wettbewerbsfilme sofort.

Animated 1: Crossing Worlds zeigt gleich zum Auftakt mit dem flotten 3-minüter „Stems“ von Ainslie Henderson aus Schottland, warum nicht nur Zuschauer und Festivalleiter, sondern gerade auch die Filmemacher selbst so verliebt sind in die Animation. In dieser Stop-Motion begegnet man liebevoll zusammengebastelten kleinen Musikern, die gleich den richtigen Ton für das weitere Programm vorgeben. Der Schweizer Animations-Routinier Georges Schwizgebel sorgt in seinem typischen Gemäldestil für Gänsehaut bei der großartigen Interpretation von Goethes „Erlkönig“.

Eine sprechende Gewehrkugel im Kopf eines Wolfes spielt in Aurore Peuffiers „Du Plomb Dans La Tête“ die Hauptrolle und zeigt, wie man die Möglichkeiten der Animation auch zum Erzählen ungewöhnlicher Geschichten einsetzen kann. Auch zum Ende hin wird der Block nicht schwächer, ja erreicht mit dem wahnwitzigen „Decorado“ (ESP/FRA 2016) von Alberto Vazquez sogar seinen Höhepunkt.

Auch Animated 2: Searching for Sense präsentiert fast durchweg hohes Niveau bei seinen Filmen. Jan Saskas „Happy End“ aus Tschechien ist die bitterböse, rückwärts erzählte Suche nach dem Mörder einer ziemlich zerschundenen Leiche. Mithilfe moderner Computertechnik vermitteln Regisseur Franck Dion und die französisch-kanadische Produktion „Une Tête Disparaît“ die Tragik der Vergesslichkeit. Und „Filthy But Fine“ (USA, Arthut Metcalf) zeigt zum Abschluss nochmal, mit wie viel Tempo und Wildheit man im Animationsfilm erzählen kann.

Mein Fazit: Fantasievoller, vielfältiger und sehenswerter kann Animation kaum sein.

// christoph

INTERFILM 2016 – Präsent wie noch nie

Interfilm Short Film Festival 2016

Interfilm 2016 – Bild aus dem offiziellen Festival-Trailer

Wenn der Fernsehturm immer mal wieder im Nebel verschwindet und die Shoppingwilligen an den schon um halb fünf hell erleuchteten kleinen Cafés und Boutiquen von Berlin-Mitte vorbeischlendern, dann ist wieder INTERFILM-Zeit in der Hauptstadt.

Inzwischen zum 32. Mal lädt eines der „bedeutenden Filmfestivals für das kurze Filmformat in Europa“ (Kulturstaatsministerin Monika Grütters in ihrem Grußwort) ins novemberliche Berlin ein und zeigt in diesem Jahr mehr als 500 Filme aus 71 Ländern.

Da man diese enorme Menge an Shorts natürlich nicht allein bewältigen kann, ist das cellu l’art dieses Jahr mit einer besonders großen Delegation unterwegs: Felix (der als Volunteer die interfilm auch unterstützt), Fides, Julia, Manu, Prandies, Susi, Wiebke und ich gucken uns im Augenblick durch die 8 Programme des Internationalen Wettbewerbs, 3 Confrontations-Programme, 3 Doku-Blöcke, 2 Programme des „Green Film Awards“, das herrlich skurrile Eject-Programm, die Länderschwerpunkte Italien und China, Events wie „Sound and Vision“ und nicht weniger als 23 (!) Spezialprogramme.

In den nächsten Tagen werden wir euch unsere persönlichen Highlights aus diesem gewaltigen Kurzfilm-Fundus vorstellen. Filme, die wir vielleicht auch später in Jena wiedersehen werden. Wir arbeiten jedenfalls daran…

Den Anfang mache ich – und zwar noch heute: Mit meinem Blick auf die herausragenden Animationen des Internationalen Wettbewerbs.

// tina

Interfilm & KuKi TeenScreen Berlin 10.11.-15.11.2015

Verfasserinnen: Anna und Karina

Diese Woche hat es einen Teil der cellu l’art-Crew zu einem der größten Kurzfilmfestivals Deutschlands in die Hauptstadt verschlagen. 5 Tage lang wurde uns ein gigantisches, witziges, emotionales, skurriles und spannendes Programm geboten. Für besessene Kurzfilmliebhaber ein Traum: Von morgens bis abends in einem gemütlichen Kinosaal hocken, eine Tüte Popcorn auf dem Schoß und sich einfach nur berieseln lassen. Klingt doch im ersten Moment gar nicht mal so übel, aber dabei ging es uns natürlich um weitaus mehr als nur das…

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Julia, Anna und Karina (v.l.)

 

Das interfilm Festival bietet eine wahnsinnig große Bandbreite an verschiedensten Filmen – sowohl ästhetisch als auch inhaltlich. So ist in diversen Kategorien wie Dokumentationen, Internationaler/Deutscher Wettbewerb, Länderschwerpunkten (in diesem Jahr Kanada und Baltikum) und diversen Events garantiert für jeden Geschmack etwas dabei. Aber nicht nur das Filmpublikum oder Festivalorganisatoren (wie uns) hat es in diesen Tagen nach Berlin verschlagen. Ebenso waren einige Filmemacher vor Ort und standen in kurzen Q&A Sessions Rede und Antwort zu ihrem Film. Große Fragezeichen nach einem Film mussten also nicht zwangsläufig unbeantwortet bleiben. Und es war wirklich spannend mal zu erfahren, was sich so manch ein Filmemacher bei seiner Umsetzung gedacht hat, welche Motive und Intentionen hinter den Inhalten und der Gestaltung stehen oder wie es schlichtweg überhaupt zu der Filmidee kam. Spürbar war auf jeden Fall auch die Wichtigkeit der Aktualität. Ein Großteil der Filme beschäftigte sich mit Themen, die gegenwärtige Geschehnisse und Entwicklungen wie die Flüchtlingsdebatte, den Ukrainekonflikt etc. aufgriffen und sich kritisch damit auseinander setzten.

Doch neben solchen eher zum Nachdenken anregenden Inhalten, sollte definitiv auch der Spaß nicht zu kurz kommen. Hier sind insbesondere 2 Events in der Volksbühne als besondere Highlights hervorzuheben. Beim „Sound & Vision“ wurde der Originalton animierter Filme abgedreht und durch musikalische Live-Darbietungen ersetzt. Aber auch das Publikum wurde ausreichend gefordert. Beim Event „Eject“ mussten die Zuschauer über die verrücktesten Ideen der Filmemacher selbst abstimmen. Abstimmungsutensilien wurden zu Beginn jedem Einzelnen zur Verfügung gestellt. Schließlich hieß es rote oder grüne Luftballons in die Höhe zu schwingen und mit Klapperhänden, Trampeln, Klatschen und Schreien den Publikumsliebling zu ermitteln. Eine kunterbunte, schrille, abwegige, absolut komische, laute und trashige Filmvorführung.

KuKiTeenScreen

Darüber hinaus bietet das Kurzfilmfestival eine weitere Besonderheit. So hat sich vor einigen Jahren im Rahmen des interfilms ebenfalls ein eigenständiges Festival für Kinder und Jugendliche etabliert: das KUKI & TeenScreen. Das Tolle an diesem Festival ist, dass hier die Kinder und Jugendlichen selbst in der Jury sitzen, gemeinsam die einzelnen Filme bewerten und ihren ganz persönlichen Sieger auf der Bühne ehren. Wir selbst waren über die Entscheidung der jungen Jury häufig überrascht, so hätten wir aus unserer „Erwachsenen“-Sicht doch zum Teil anders gewertet. Die Kinder und Jugendlichen nehmen die Filme halt doch aus einer ganz anderen Perspektive wahr und verstehen oftmals inhaltlich und ästhetisch viel mehr, als wir annehmen. Neben all den zahlreichen Kurzfilmen hatten die jungen Zuschauer außerdem die Möglichkeit, sich in einem Trickfilm-Workshop auch selbst mal als kleine Filmemacher auszuprobieren.

Und auch uns lieferte das Kurzfilmfestival in Berlin einiges mehr als nur die zahlreichen Filmvorführungen. Vor allem bot das interfilm mit seiner durchaus familiären Atmosphäre im Zentrum der Hauptstadt vielerlei Chancen zum Netzwerken mit anderen Festivalorganisatoren, Filmbegeisterten und vordergründig natürlich mit Filmemachern. Und so waren die 5 Tage in den verdunkelten Kinosälen ein durchaus straffes Programm, bei welchem so Manchen auch mal die Augen während eines Filmes zufielen. Am Ende konnten wir jedoch trotz Müdigkeit euphorisiert und mit jeder Menge Inspirationen für das kommende Festival in Jena im Gepäck die Heimreise antreten.

Ihr könnt also gespannt sein, welche Filme euch im nächsten Jahr auf dem cellu l‘art erwarten…

// felix

cellu l’art unterwegs: Mannheims Partnerstädte im Wettbewerb

Vom 23. bis zum 26. September fand in Mannheim die zweite Ausgabe des Internationalen Kurzfilmfestivals BermudaSHORTS statt. Das besondere Konzept: Die Partner- und Freundschaftsstädte der Quadratestadt schicken bis zu drei Kurzfilme zum Festival, wo sie in drei Wettbewerbsblöcken präsentiert werden. Dieses Jahr waren der Istanbuler Stadtteil Beyoğlu, die polnische Stadt Bydgoszcz, die Haupstadt Moldawiens Chișinău, die Hafenstädte Haifa (Israel), Klaipėda (Litauen) und Qingdao (Volksrepublik China), das sächsische Riesa, Windsor (Kanada) und Zhenjiang (Volksrepublik China) mit von der Partie. Drei weitere Kurzfilme kamen aus der Metropolregion Rhein-Neckar und aus Mannheim selbst. Zum ersten Mal fand das vom Kulturamt der Stadt Mannheim und dem Fachbereich Internationales, Integration & Protokoll organisierte und veranstaltete Festival im September 2012 statt.

Es war durchaus interessant zu beobachten, welch unterschiedliche Filme die internationalen Städte einsendeten: Während der türkische Partner drei narrative Spielfilme ins Rennen schickte, entschied sich Klaipėda dafür, drei Experimentalfilme von ein und dem selben Regisseur zu zeigen. Die individuellen Auswahlprozesse der Partnerstädte hatten zur Folge, dass eine Vielzahl von Genres vertreten war: Von No- und Low-Budget Produktionen bis hin zu teureren Projekten und vom experimentellen, animierten, dokumentarischen bis zum fiktiven Film war alles vertreten. Zum einen erlaubt das innovative Konzept des Festivals spannende Entdeckungen und die Chance auch für Ungewöhnliches. Zum anderen muss aber nun mal genommen werden, was kommt: grammatikalisch völlig unverständliche Untertitel bei chinesischen Filmen, von Kindern und Jugendlichen gemachte Amateur-Produktionen oder auch wenig aufregende Musikvideos für Technomucke.

Was selbst mit k(l)einem Budget möglich ist, beweist indes Yuvael Hameiris ‚Film mit dem längsten Titel‘: I think this is the closest to how the footage looked, der den Jurypreis gewann. Hameiris intime Rekonstruktion des letzten Tages seiner Mutter ist eine berührende Reflexion über Verlust, Trauer und Erinnerung. Neben der von Preisen überhäuften moldawischen Produktion The Flavors Collection und der visuell abgefahrenen Parabel Chocolate Darwin aus Mannheim wurde ein weiterer israelischer Film von der Jury lobend erwähnt: God is Kidding von Boaz Balachsan und Dima Tretyakov, eine an Laura Lehmus‘ AlieNation erinnernde Mischung aus Dokumentar- und Animationsfilm, in der Kinder von ihrer Gottesvorstellung erzählen.

Neben den Wettbewerbsblöcken wurden außerdem Best Ofs der regionalen Festivals GIRLS GO MOVIE, ClipAward und Zum Goldenen Hirsch gezeigt. Darüber hinaus gab es für angereiste Journalisten und Filmemacher Workshops. Das selbsterklärte Ziel der Filmemacher und Organisatoren ist es, international enger zusammenzurücken und gemeinsame Projekte zu starten. Der Festivalleiter Michael Ackermann verriet zur Preisverleihung, dass für ein solches Projekt der Samen gepflanzt sei. Man darf also gespannt sein.

// nadine

Filmeschauen im Nachbarstädtchen

Mein erster Weimar-Besuch führte mich weder zu Goethe noch zum Bauhaus, nicht ins klassische Weimar und trotz angenehm sonnigen Wetters nicht in den Park. An jenem Donnerstagnachmittag bevorzugte ich den dunklen Kinosaal im Weimarer Lichthaus, dem Hauptspielort des backup_festivals, das nunmehr in der 17. Auflage stattfand. Trotz Orientierungsschwäche und einigen daraus resultierenden unnötig unternommenen Schritten fand ich mich dann doch noch im Saal 3 des Lichthauses ein, den an jenem Nachmittag zwar nur wenige Besucher frequentierten, der aber dennoch – wie auch das gesamte im ehemaligen Straßenbahndepotgebäude untergebrachte Programmkino – durch seine Industriearchitektur, den offen sichtbaren Kabel- und Rohrkonstruktionen und den gemütlichen Sesseln, Charme versprühte und so Lust auf die Kurzfilme machte.

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Nach einer kurzen Einführung konnte es dann schon los gehen mit Award ROT: Im ersten Film kündigt der japanische Protagonist im schweizerischen Animationsfilm Tadaima nicht nur seine Heimkehr an, sondern begrüßt damit auch quasi das Publikums, entführt es schließlich in seine innere Welt der leisen Erinnerungen – wunderbar poetisch und unaufgeregt. Der israelische Film Heftzi Gets Screwed ist da in seiner Bildsprache um einiges drastischer: Riesige Phalli, überdimensionierte Vaginen und es geht – genau – um: Sex, oder anders: um die Angst vorm Sex und utopische Ideale. Ziemlich derb, ziemlich witzig und auch ein bisschen düster. Um zwischengeschlechtliche Begegnungen geht es auch in Hidden Track, wenn auch weit weniger körperlich: In einer transparenten Welt lernen sich Nachbarn kennen und brechen so aus ihrem einsamen, anonymisierten Alltag aus. In dem Musikvideo zu Delhia de Frances Share a Breath wiederum ist das Zwischenmenschliche auf das Körperliche, auf die Form konzentriert, auf nackte Haut im Dunkeln, auf Licht und Bewegung, Annäherung und Abstoßung. Der taiwanesische Experimentalfilm The Voyage verabschiedet sich schließlich vollständig von der menschlichen Form und einem narrativen Anspruch, lädt stattdessen zu einer Reise durch Formen, Farben und Bewegung ein und entfaltet so meditative Qualitäten. Die existentielle Frage nach dem Tod aus kindlicher Perspektive behandelt ein zweiter israelischer Short: A Thing So Small von Mizmor Watzman. Wiederum in Stop-Motion-Technik animiert, wird das kleine Mädchen Lali mit der Vergänglichkeit des Seins und Trauerriten konfrontiert.

Über die eigene Identität machen sich auf ihre ganz eigene Arten Sanjar Omarav aus Kasachstan und Juliane Franke aus Weimar Gedanken. Während sich Omarav in einem kurzen Filmessay die Frage Who am I? stellt und seine Gedanken zu Beginn seines Studiums festhält, beschäftigt sich Franke in Achtzig Bänder mit alten Achtmillimeter-Videoaufnahmen ihrer Familie und nimmt uns mit auf eine emotional-persönliche Reise in Vergangenheit und Gegenwart, in Wirklichkeit und Illusion. In Here von Sandra Barth und Katharina Knust scheinen Vergangenheit und Zukunft dagegen ausgeblendet: vermeintlich banale Alltagsszenen einer Leipziger Gruppe Jugendlicher, Treffpunkt: in der Stadt. Ein ritualisiertes Zusammentreffen, ein eigener Raum im Hier und Jetzt.
Während Anna Beil in Kubeba eine mythologische Geschichte über Kindesdiebstahl, die Sonne und die ersten Menschen erzählt, zeichnen sich Die Frikadelle von Zimbo und Not a Good Conversational Partner durch ihren absurden Humor aus, wobei letzterer in unter einer Minute Spielzeit von misslungener Kommunikation handelt. Für ein wenig Kommunikation mit zwei Filmemacher_innen war schließlich nach Vorführungsende Zeit.

So endete ein interessanter, kurzweiliger Kurzfilmnachmittag. Am folgenden Freitagabend war ich noch einmal beim back_up, um mir die Filme des schwarzen Award-Blockes anzusehen. Für mehr war aufgrund sonstiger Verpflichtungen in diesem Jahr keine Zeit, aber Lust auf mehr hat’s gemacht, also: Bis zum nächsten Jahr.

Felix Naapurilainen

// sebastian

cellu l’art unterwegs: Die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen

Kurzfilmtage
Nach dem Festival ist vor dem Festival und so machte ich mich nur wenige Tage nach dem großen cellu l’art-Finale auf den Weg nach Oberhausen in Nordrhein-Westfalen. Hier finden dieser Tage bereits zum 61. Mal die Internationalen (ehemals „Westdeutschen“) Kurzfilmtage statt.
Das älteste Kurzfilmfestival der Welt lockt in jedem Jahr eine große Schar Filmschaffender und -begeisterter in meine sonst nicht besonders bekannte Heimatstadt. Viele der heutigen internationalen Regie-Größen haben hier ihre frühen Arbeiten gezeigt, so etwa Wim Wenders, Martin Scorsese und Roman Polański.
Als erstes sah ich mir den Wettbewerb des „MuVi“-Preises an. Der weltweit erste internationale Filmpreis für Musikvideos wird seit 1999 verliehen. Einen nachdrücklichen Eindruck hinterlassen hat in jedem Fall dieses Musikvideo aus China. In einem vollbesetzten großen Kinosaal und in einem Programm mit vielen durchaus unkonventionellen Musikfilmen davor und danach, schaffte es der Hühnchen-Song von Wang Rong Rollin trotzdem, die Zuschauer kollektiv erstaunt in ihre Sitze zu pressen.


Am späten Abend sah ich mir dann noch den ersten internationalen Wettbewerb an. Gezeigt wurde unter anderem „Integration“ von Oleksiy Radynski, eine bildgewaltige Dokumentation der Euromaidan-Revolution vom Anfang 2014 – hier ein Trailer:


Anders als das cellu l’art zeigt Oberhausen im Durchschnitt allerdings deutlich mehr Experimentelles und schon bei den Musikvideos hatte sich der Regisseur eines Beitrags zu elektronischer Musik schlicht eine GoPro-Kamera vor die Nase geklemmt. Das ist für den Zuschauer dann nicht immer einfach, aber es eröffnet auch neue Perspektiven.
Die diesjährigen Oberhausener Kurzfilmtage enden am 5. Mai mit der großen Preisverleihung. Wer im nächsten Jahr dabei sein möchte, kann sich bald auf www.kurzfilmtage.de informieren.

// nadine

#BerlinaleMoments

Im atmosphärischen Schwarz-Weiß erscheint der Abspann meines letzten Films der Berlinale. Die Beleuchtung springt an und langsam verlassen alle Besucher den Saal. Nur ich bleibe hypnotisiert sitzen. In mir stauen sich Gefühle der Begeisterung, Faszination, aber vor allem Sprachlosigkeit. Bis zu diesem letzten Film konnte ich alle Emotionen zurückhalten. Nun hat die Reizüberflutung ihren Höhepunkt erreicht. Jetzt muss alles raus: ich will über den Potsdamer Platz rennen und alles loswerden. Ich möchte Worte finden, für etwas Unbeschreibliches…
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Die Berlinale ist ein Festival der Superlative. Sie versammelt nicht nur Filmemacher, Regisseure und Schauspieler erster Klasse, sondern lässt auch jene normalen Besucher – Studenten wie dich und mich – ein bisschen besonders fühlen. Eine ganze Stadt wurde in die Festival-Stimmung eingetaucht und Tage später noch nicht losgelassen.

Die Gesamtheit der Berlinale, aber auch viele persönliche Momente haben mich sehr beeindruckt. So beispielsweise der Auftritt des Regisseurs Wregas Bhanuteja im Anschluss an die Weltpremiere seines Kurzfilms Lembusura, der unter den Berlinale Shorts III zu bewundern war. Ein sehr gelassener Filmemacher im trashigen Kostüm trat mit einer Maske – symbolischer Bekämpfer des Bergdämons – vor das Publikum. Sein Kurzfilm, welcher anlässlich des Ascheregens in Indonesien umgesetzt wurde, erinnerte zunächst eher an eine komische Improvisation eines spirituel überzeugtem Tänzer. Später fragt ein Zuschauer nach seinem Mitbringsel. Wregas Bhanuteja erklärt die Maske als Sinnbild seiner Freunde, Darsteller und Kameramänner, die es sich nicht leisten konnten, heute hier zu stehen.

So hoffte man auch, dass Jafar Panahi, Gewinner des Goldenen Bären mit dem Langfilm Taxi seinen Preis persönlich entgegennehmen dürfe. Bereits Festivaldirektor Dieter Kosslick eröffnete die Berlinale mit seiner Anteilnahme, ungeahnt, dass Panahi Tage später der Hauptpreis des Festivals gebühren würde: „Wir werden Ihn so lange einladen, bis er irgendwann persönlich seinen Preis abholen kommt.“
In Zeiten, wo Zensur, Presse- und Meinungsfreiheit doch nicht so selbstverständlich sind, wie zunächst angenommen, treffen besonders diese Einzelfälle sehr hart und vertiefen meine Eindrücke der Berlinale.

Ich habe sehr interessante 10 Tage in Berlin erlebt. Natürlich haben der Umfang des Festivals, der fehlende Schlaf, der Wettlauf von einem Kino zum Nächsten und das ewige Anstehen an den Kräften gezerrt. Aber als dann der Berlinale-Trailer auf der Leinwand aufflimmerte, waren alle Sorgen vergessen.

Am Ende war ich die Letzte, die den Kinosaal verlässt.

// nadine

Cellu l’art goes BERLINALE

10 Tage. 465 Filme. Und wir mittendrin.
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Es glitzert und funkelt in allen Ecken der Stadt. Die Berlinale lädt zu atemberaubenden Filmerlebnissen und unvergesslichen Momenten ein. Doch nicht nur große Blockbuster mit Starbesetzung, auch 27 Kurzfilme aus 18 Ländern, feiern hier, in Berlin, ihre Weltpremiere und konkurrieren um den begehrten „Goldenen Bären“.

Reflexionen über die gegenwärtigen gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse bestimmen das diesjährige Kurzfilmprogramm. Kontraste treffen aufeinander und beginnen sich zu überschlagen. Vertikale und horizontale Ebenen vereinen sich zu einem Raster. Die Berlinale Shorts bieten eine Bandbreite sozialkritischer Themen und Raum für eigene Gedanken.

Im Rahmen der Berlinale versammeln sich jährlich alle Mitglieder der AG Kurzfilm. Gegenstand des Treffens war vor allem eine Diskussion der Rahmenbedingungen von Kurzfilmfestivals und unsere Beitrag den internationalen Kurzfilm in Deutschland noch weiter zu etablieren.

Unser Feedback nach 5 Tagen: Überdimensional überwältigend!
Aber da geht noch mehr.

Liebe Grüße aus Berlin!

Wir melden uns, sobald uns der Alltag im bescheidenen, charmanten Jena zurück hat.

// sebastian

Filmfestival woanders: Galway Film Fleadh

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Da das cellu l’art gerne mal den Blick über den Tellerrand wagt, ging es für mich im Auftrag des Kurzfilms in die beschauliche irische Metropole Galway. Hier fand Mitte Juli die Galway Film Fleadh statt. Irischer Film in allen Formen und Facetten steht hier im Mittelpunkt. Im 5-tägigen Programm in drei Kinos fand ich neben unzähligen Langfilmen auch 9 Kurzfilmblöcke.
Fast alle Kurzfilme sind irisch, sagt mir das Programmheft. Ganz schön produktives Filmvolk die Iren, denke ich mir.
Die meisten Kurzfilme in meiner Programmauswahl sind Spielfilme und verschiedene Fokuspunkte, wie Familie, Pflicht und Liebe, werden in den Vordergrund gestellt.
Besonders berührt hat mich der Film The Portrait (Das Portrait) von Chris Forster. Hier geht es um die Kunststudentin Eva, die ihren Großvater porträtiert. Damit zwingt sie ihre Mutter Laura, sich mit den Geistern der Vergangenheit auseinander zu setzen, die sie nur zu gern vergessen würde. Ein Film, der durch seine wunderbare Erzählweise sehr tief geht.
Mit einem Augenzwinkern erzählt währenddessen I Am Jesus (Ich bin Jesus) von Regisseur Emmet Harte die Geschichte von Jesus in der modernen Gesellschaft. Der Film sorgt für viele Lacher im Publikum und eine heitere Stimmung. Zum anschauen gibt es das gute Stück gleich hier.

// bettina