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Filmeschauen im Nachbarstädtchen

Mein erster Weimar-Besuch führte mich weder zu Goethe noch zum Bauhaus, nicht ins klassische Weimar und trotz angenehm sonnigen Wetters nicht in den Park. An jenem Donnerstagnachmittag bevorzugte ich den dunklen Kinosaal im Weimarer Lichthaus, dem Hauptspielort des backup_festivals, das nunmehr in der 17. Auflage stattfand. Trotz Orientierungsschwäche und einigen daraus resultierenden unnötig unternommenen Schritten fand ich mich dann doch noch im Saal 3 des Lichthauses ein, den an jenem Nachmittag zwar nur wenige Besucher frequentierten, der aber dennoch – wie auch das gesamte im ehemaligen Straßenbahndepotgebäude untergebrachte Programmkino – durch seine Industriearchitektur, den offen sichtbaren Kabel- und Rohrkonstruktionen und den gemütlichen Sesseln, Charme versprühte und so Lust auf die Kurzfilme machte.

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Nach einer kurzen Einführung konnte es dann schon los gehen mit Award ROT: Im ersten Film kündigt der japanische Protagonist im schweizerischen Animationsfilm Tadaima nicht nur seine Heimkehr an, sondern begrüßt damit auch quasi das Publikums, entführt es schließlich in seine innere Welt der leisen Erinnerungen – wunderbar poetisch und unaufgeregt. Der israelische Film Heftzi Gets Screwed ist da in seiner Bildsprache um einiges drastischer: Riesige Phalli, überdimensionierte Vaginen und es geht – genau – um: Sex, oder anders: um die Angst vorm Sex und utopische Ideale. Ziemlich derb, ziemlich witzig und auch ein bisschen düster. Um zwischengeschlechtliche Begegnungen geht es auch in Hidden Track, wenn auch weit weniger körperlich: In einer transparenten Welt lernen sich Nachbarn kennen und brechen so aus ihrem einsamen, anonymisierten Alltag aus. In dem Musikvideo zu Delhia de Frances Share a Breath wiederum ist das Zwischenmenschliche auf das Körperliche, auf die Form konzentriert, auf nackte Haut im Dunkeln, auf Licht und Bewegung, Annäherung und Abstoßung. Der taiwanesische Experimentalfilm The Voyage verabschiedet sich schließlich vollständig von der menschlichen Form und einem narrativen Anspruch, lädt stattdessen zu einer Reise durch Formen, Farben und Bewegung ein und entfaltet so meditative Qualitäten. Die existentielle Frage nach dem Tod aus kindlicher Perspektive behandelt ein zweiter israelischer Short: A Thing So Small von Mizmor Watzman. Wiederum in Stop-Motion-Technik animiert, wird das kleine Mädchen Lali mit der Vergänglichkeit des Seins und Trauerriten konfrontiert.

Über die eigene Identität machen sich auf ihre ganz eigene Arten Sanjar Omarav aus Kasachstan und Juliane Franke aus Weimar Gedanken. Während sich Omarav in einem kurzen Filmessay die Frage Who am I? stellt und seine Gedanken zu Beginn seines Studiums festhält, beschäftigt sich Franke in Achtzig Bänder mit alten Achtmillimeter-Videoaufnahmen ihrer Familie und nimmt uns mit auf eine emotional-persönliche Reise in Vergangenheit und Gegenwart, in Wirklichkeit und Illusion. In Here von Sandra Barth und Katharina Knust scheinen Vergangenheit und Zukunft dagegen ausgeblendet: vermeintlich banale Alltagsszenen einer Leipziger Gruppe Jugendlicher, Treffpunkt: in der Stadt. Ein ritualisiertes Zusammentreffen, ein eigener Raum im Hier und Jetzt.
Während Anna Beil in Kubeba eine mythologische Geschichte über Kindesdiebstahl, die Sonne und die ersten Menschen erzählt, zeichnen sich Die Frikadelle von Zimbo und Not a Good Conversational Partner durch ihren absurden Humor aus, wobei letzterer in unter einer Minute Spielzeit von misslungener Kommunikation handelt. Für ein wenig Kommunikation mit zwei Filmemacher_innen war schließlich nach Vorführungsende Zeit.

So endete ein interessanter, kurzweiliger Kurzfilmnachmittag. Am folgenden Freitagabend war ich noch einmal beim back_up, um mir die Filme des schwarzen Award-Blockes anzusehen. Für mehr war aufgrund sonstiger Verpflichtungen in diesem Jahr keine Zeit, aber Lust auf mehr hat’s gemacht, also: Bis zum nächsten Jahr.

Felix Naapurilainen

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